Eine schwerkranke Frau im Krankenhausbett, an künstliche Ernährung angeschlossen (Symbolbild)

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Diagnosestellung bei ME/CFS

Die Diagnosestellung ist häufig schwierig und kann mehrere Jahre beanspruchen. Viele Patienten benötigen zahlreiche Arztbesuche, bis die Diagnose feststeht. Dieses beruht z.T. auch darauf, dass das Krankheitsbild ME/CFS in der ärztlichen Ausbildung eine untergeordnete Rolle spielt und somit vielen Ärzten unbekannt ist. Leider vergeht durch ungeeignete Therapien wertvolle Zeit, wodurch sich Symptome und Prognose verschlechtern können.

Allgemein gilt: Das Symptom Fatigue kommt bei zahlreichen, auch schweren Erkrankungen vor. So können z.B. auch eine Tumorerkrankung oder Multiple Sklerose mit einer ausgeprägten Fatigue einhergehen. Diese Erkrankungen müssen ausgeschlossen werden, bevor MEMyalgische Enzephalomyelitis
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/CFSChronic Fatigue Syndrome
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Myalgische Enzephalomyelitis / Chronic Fatigue Syndrome
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diagnostiziert werden kann.

Einen spezifischen Laborwert, mit dem die Diagnose „bewiesen“ werden kann, gibt es derzeit in der klinischen Routine noch nicht.
Einige Laborwerte sind in unterschiedlichen Krankheitsstadien pathologisch verändert wie bestimmte Autoantikörper, Veränderungen der Immunglobuline und Veränderungen von Zytokinen vor allem im Frühstadium der Erkrankung. Die Bestimmung kann den diagnostischen Prozess zusätzlich abrunden. Bei ca. 30-40% der Erkrankten lassen sich Autoantikörper gegen Rezeptoren des vegetativen Nervensystems nachweisen: gegen ß1- und ß2-Rezeptoren sowie gegen den M3- und M4-Acetycholinrezeptor.

Sehr charakteristisch und bedeutsam für die Differentialdiagnostik ist das Symptom „Belastungsintoleranz  oder englisch Postexertional MalaiseUnwohlsein
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(PEMPost-Exertional Malaise
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). Dieses bedeutet, dass es schon nach geringen Belastungen jeglicher Art - körperlich, geistig oder mental- zu einer erheblichen Zustandsverschlechterung kommt, typischerweise mit einer Verzögerung von bis zu 24-48 Stunden.

Verschiedenste Symptome können auftreten: zusätzlich zum erheblichen Krankheitsgefühl mit Grippe-artigen Beschwerden wie Halsschmerzen, geschwollenen Lymphknoten oder Reizhusten kommt es zu Schmerzen im Bewegungsapparat, heftigen Kopfschmerzen, z.T. Migräne-ähnlich, und einem schweren Erschöpfungsgefühl, das mit einer normalen Müdigkeit am Abend nicht zu vergleichen ist. Außerdem weisen die Patienten neurologische Symptome auf wie Konzentrationsstörungen, Wortfindungsstörungen, benebeltes Gefühl (brain fog) oder Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Störungen des vegetativen Nervensystems sind häufig und können sich in Störungen der Darm- und Blasenfunktion und Kreislaufstörungen wie einem POTS (Posturales Orthostatisches Tachykardie-Syndrom) äußern. Alle diese Symptome verschlechtern sich nach Belastung.

Mit verschiedenen Fragebögen, die seit Jahren in der Diagnostik etabliert sind, ist es dem erfahrenen Arzt anhand der Symptomatik möglich, eine sichere Diagnose zu stellen. Der Standard sollte hier die Verwendung der Kanadischen Konsensus-Kriterien (CCC) oder der Internationalen Konsensus-Kriterien (ICC) sein. Die Fukuda-Kriterien wurden in den 90er-Jahren entwickelt und bilden die Grundlage für zahlreiche ältere Studien. Sie sind jedoch eher unspezifisch, weshalb sie im klinischen Alltag ungeeignet sind. Zur Schweregrad-Beurteilung eignen sich die Bell-Skala und die Chalder-Fatigue-Scale.

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