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XMRV - Das endgültige Aus nach Veröffentlichung der Lipkin-Studie

Datum: 01.11.2012 Kategorie: Aktuelles

Oder: „Stick a fork in it, people, because XMRV is done!“

(Ein Kommentar von Marlies Zurhorst)

Jede/e Betroffene von CFS/ME, der schon länger dabei ist – und das sind ja leider nicht wenige – und regelmäßig die neuesten Meldungen zur internationalen CFS/ME-Forschung verfolgt, erinnert sich sicher an die euphorische Stimmung, die herrschte, als im Herbst 2009 das renommierte amerikanische Wissenschaftsmagazin Science die Studie von Vincent Lombardi und Judy Mikovits vom Whittemore Peterson Institute veröffentlichte, die besagte, man habe einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Retrovirus XMRV (Xenomurineleukämie virus related virus) und CFS/ME gefunden. ( http://www.sciencemag.org/content/326/5952/585 ) Bei über zwei Drittel der Blutproben einer untersuchten Patientenkohorte hatte man mit aufwendigen Verfahren Spuren des bisher quasi unbekannten Virus` nachweisen können. So – kurzgefasst - das Ergebnis. Dann folgten – wie in der Wissenschaft üblich – viele Versuche, dieses Ergebnis mit anderen Patientenkohorten an anderer Stelle zu replizieren, aber ohne Erfolg. Hinter diesen Replikationsversuchen standen z.T. Institutionen, die immer schon CFS-kritisch bis -feindlich waren oder sonst ein Interesse daran hatten, der Mikovits-Studie zu widersprechen. Allerdings gab es von Anfang an auch durchaus kritische Stimmen aus „den eigenen Reihen“, also von Medizinern und Wissenschaftlern, die seit langem in der CFS-Forschung tätig sind und hohes Ansehen genießen wie z.B. Jonathan Kerr (London), Susanne Vernon (CFIDS Association, USA) oder nicht zuletzt der ehemalige Kollege von Judy Mikovits und quasi der Urvater der CFS/ME-Forschung Daniel Peterson. Dieser hat sogar aufgrund seiner kritischen Haltung gegenüber der Lombardi/Mikovits-Studie das u.a. nach ihm benannte WPI verlassen. Angesichts der vielen Negativstudien sah sich Science Ende 2011 gezwungen, die Studie zurückzuziehen, nachdem auch die Autoren der einzigen teilweise bestätigenden Studie ( http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2936598/ ) diese verwarfen und sich für die wahrscheinlichere Vermutung aussprachen, dass es sich bei XMRV um nichts weiter als eine Laborkontamination (also Verunreinigungen von Labormaterial mit Viren von Mäusen) handele.

Judy Mikovits, die selber noch nicht von ihrer Studie abrücken wollte, verlor daraufhin ihren Job beim WPI und es entwickelte sich ein ziemlich unsäglicher juristischer Streit um geklaute (oder nach Meinung der anderen Seite natürlich nicht geklaute) Laptops und Daten und manipulierte wissenschaftliche Ergebnisse, in dem die Chancen von Judy, gegen das milliardenschwere Familienunternehmen Whittemore (Stichwort: Reno, Nevada, Glücksspiel-Industrie) zu gewinnen, eher minimal sind.

Um wirklich in der Frage XMRV ein für allemal Sicherheit zu haben, wurde – auch darüber berichteten wir im letzten CFS/ME-Forum – Ende 2010 von hoher Stelle eine umfassende und hochkarätig besetzte Überprüfungsstudie ins Leben gerufen, die sogenannte Lipkin-Studie unter der Leitung des international anerkannten Virologen Ian Lipkin von der Columbia University in New York.  http://en.wikipedia.org/wiki/W._Ian_Lipkin . Er gilt als ausgezeichneter Kenner der Retrovirus-Materie.
An dieser Lipkin-Studie war alles beteiligt, was in der amerikanischen CFS-Welt Rang und Namen hat: Nancy Klimas, Cindy Bateman, Anthony Komaroff, Harvey Alter, Dan Peterson, José Montoya und last not least Judy Mikovits selbst. Schon für Ende 2011 waren die Resultate angekündigt, erst jetzt (18.09.12) sind sie da. Ergebnis: negativ. Ein Zusammenhang zwischen XMRV und CFS/ME kann nach dieser Studie sicher ausgeschlossen werden. „It´s simply not there. It´s time to move forward“, so Judy Mikovits in der Presse-Konferenz, die der Veröffentlichung der Studie unmittelbar folgte. U.a. Prof. Lipkin, Prof. Alter und Dr. Mikovits standen hier der Öffentlichkeit für Fragen zur Verfügung. Diese Pressekonferenz ist im Netz unter http://www.youtube.com/watch?v=90nBAh-5Q7c&list=PLm8X_9pQvTbVCBWor35cXIOJpsjGfCnKm&index=1&feature=plpp_video , also auf Youtube zu finden.

Die Lipkin-Studie war wohl die wissenschaftlich umfassendste und rigorosete Überprüfungsstudie für die XMRV/MLV-Hypothese. Nicht nur ein Labor versuchte dabei die Mikovits/Lombardi-Studie zu replizieren, sondern eine ganze Reihe von namhaften Laboren, die in den USA CFS/ME-Forschung betreiben und die mit den schon genanten Namen Klimas, Komaroff, Bateman, Montoya, Peterson u.a. verbunden sind, überprüften jeweils jede einzelne Blutprobe der Studie. Diese stammten von insgesamt fast 300 Probanden: 146 von CFS-Patienten. Diese erfüllten alle die Fukuda 1994-Kriterien und die des Kanadischen Konsensdokumentes von 2003 und hatten zudem einen plötzlichen Beginn der Krankheit (also erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass ein Virus bei der Auslösung beteiligt gewesen sein könnte) Dazu noch mal die etwa gleiche Anzahl von gesunden Kontrollpersonen, die nach Alter, Geschlecht u.a. Parametern sehr ähnlich zusammengesetzt waren wie die Patientengruppe. Die verschiedenen Labore benutzten jeweils etwas unterschiedliche – aber alle virologisch anerkannte - Testmethoden, je nachdem, welche sie für am vielversprechendsten im Sinne eines positiven Ergebnisses hielten. Um geographisch neutral zu sein, bezog die Studie Patienten aus den verschiedensten Regionen der USA ein.
Das Ergebnis der multiplen Studie war schließlich: Von den Blutproben der CFS/ME-Patienten wurde keine einzige positiv auf XMRV getestet. Die einzigen XMRV-positiven Proben waren die von einigen Personen, die unabhängig von der Betroffenheit von CFS/ME bewusst als solche einbezogen worden waren, um die Zuverlässigkeit der jeweiligen Untersuchungsmethoden zu überprüfen. Fazit der Autoren: Die Studie zeigt, dass es definitiv keinen Zusammenhang zwischen CFS/ME und einer Infektion mit XMRV oder MLV gibt. ( http://mbio.asm.org/content/3/5/e00266-12.full ) Auch Judy Mikovits selbst ging von ihrer lange und vehement verfochtenen Theorie ab und sagte in der oben erwähnten Pressekonferenz: „It´s simply not there. It´s time to move forward“.

Nachwort: Wer nun geglaubt hat, aus diesen Ergebnisse könne nur eine einzige und klare Schlussfolgerung gezogen werden, dass nämlich die XMRV-Hypothese ein für allemal zu begraben ist und die Patienten aufhören können, einem zweifelhaften und teuren Test – und bezüglich CFS/ME noch zweifelhafteren retroviralen Medikamenten – hinterherzulaufen, der kennt die CFS/ME-Welt schlecht. Schön überschlagen sich im Internet die Einwände gegen die Lipkin-Studie: sie habe ja nur Blut untersucht, kein Gewebe und keine Lymphflüssigkeit, wo man XMRV oder zumindest MLV ja viel eher hätte finden können. Manche gehen weiter und sehen hinter der Lipkin-Studie (wie auch vorher in allen anderen Negativ-Studien) eine verschwörerische Anti-CFS/ME-Patienten-Politik. Wie hilfreich ist das? Alle medizinischen Größen der CFS/ME-Welt, von Australien über die USA bis Großbritannien und Deutschland, haben die XMRV-Hypothese verworfen oder sogar in eigenen Studien widerlegt. Aber offensichtlich waren die Hoffnungen und Erwartungen so groß, dass für manche der Rückschlag, von dem auch deutsche Medien berichteten (u.a. das Ärzteblatt: ( http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/51702/Chronisches-Muedigkeitssyndrom-Virushypothese-endgueltig-widerlegt  und der Fokus-online: http://www.focus.de/gesundheit/news/retroviren-keine-ausloeser-ursachensuche-bei-chronischem-muedigkeitssyndrom_aid_822131.html ) , einfach nicht hinzunehmen ist. Aber es nützt niemandem, mit unrealistischen Hoffnungen weitere wertvolle Zeit zu verschwenden. Deshalb: Leute, lasst davon ab, XMRV ist Geschichte: „Stick a fork in it, people, because XMRV is done!“ (Zitiert aus http://www.occupycfs.com/2012/09/18/stick-a-fork-in-it/ ).