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Fatigatio e.V.

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Um die Lebensperspektiven für Menschen mit ME/CFS zu verbessern.

Der Riese mit den schweren Schuhen

Ein Märchen von Ingrid Kiehl-Krau über das Leben mit CFS

Es lebte einmal ein böser Riese.

Von weitem betrachtet sah er aus wie ein besonders großer finsterer Mann. Erst wenn man näher kam, merkte man, wie groß und wie furchtbar er war.

Er trug jahraus, jahrein eine alte blaue Jogginghose und ein verblichenes Sweat-Shirt mit der Aufschrift CFS für "Central Fernwärme System". Das hatte er einmal im Winterschlußverkauf gekauft.

Wenn er durch die Straßen ging, erkannte man ihn schon von weitem an seinen schweren, klobigen Schuhen Größe 56. Dann zitterten die Dächer der Häuser und die Menschen sprachen nur noch flüsternd und versteckten sich.

Er liebte es nämlich, sie zu quälen. Heimlich brachte er sie in seine Gewalt und dachte sich die raffiniertesten Torturen aus. Manchmal ließ er sie nicht essen, ein anderes Mal raubte er ihnen den Schlaf. Er verwirrte ihre Sprache oder schwächte ihre Beine. Er fügte ihnen alle Arten von Schmerzen zu und am allerliebsten trampelte er mit seinen schweren Schuhen auf ihnen herum.

Bei alledem achtete er aber sorgfältig darauf, seine Opfer zwar in Angst und Schrecken zu versetzen, ihnen aber keinen sichtbaren oder bleibenden Schaden zuzufügen. Um sie gefügig zu halten, mußte er sie nicht einsperren. Er saugte ihnen das Mark aus den Knochen - nein, beileibe nicht alles - gerade soviel, daß sie total entkräftet waren und ihm nicht weglaufen konnten.

Zuerst hatte er sich noch mit wenigen Menschen begnügt, mit der Zeit aber fand er Gefallen daran und wurde immer unersättlicher. Er quälte Kinder und Greise, Frauen und Männer, am liebsten aber solche, die aktiv und munter waren. "Da sieht man wenigstens, was man geschafft hat!" sagte er zufrieden zu sich selbst, wenn sie ausgemergelt und erschöpft durch die Straßen wankten.

Manche hielt er für einige Jahre gefangen und ließ sie frei, wenn er das Interesse an ihnen verloren hatte. Andere mußten ein Leben lang in seiner Gefangenschaft verbringen.

Seine Opfer führten ein beklagenswertes Leben.

Sie waren nicht mehr fähig, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und mußten mit dem Nötigsten versorgt werden.

Sie verloren ihr Ansehen - keiner wollte mehr mit ihnen zu tun haben. Niemand glaubte ihnen, daß der Riese sie foltere. "Das kann doch gar nicht stimmen," sagten die, die nichts wissen wollten. "Seht sie euch doch an: Nirgendwo eine Spur von Folterungen. Das müßte man doch sehen! Sie bilden sich das alles nur ein oder wollen sich interessant machen." Aber insgeheim fürchtete jeder, er könnte der nächste sein.

Und weil man den Opfern nichts ansah, wurden sie von vielen verspottet. "Sie sind halt ein bißchen verrückt," sagte man über sie. "Bestimmt wollen sie sich nur vor der Arbeit drücken. Wir werden sie möglichst knapp halten und immer wieder testen. Das wird sie am ehesten davon abbringen."

Die Opfer schämten sich sehr und versteckten sich. Mit der Zeit begannen sie, den anderen zu glauben und hielten sich selbst für schuld an ihrem Unglück.

So verursachte der böse Riese unermeßliches Leid und hatte daran seine tägliche Freude. "Es ist ein tolles Spiel!" sagte er und rieb sich vor Freude die Hände. "Sie krabbeln und zappeln, um wieder auf die Beine zu kommen. Sie versuchen mit allen Mitteln zu verbergen, wie angeschlagen sie sind, damit man sie nicht ganz ausstößt. Aber ich brauche nur eine Bewegung zu machen - und schon liegen sie wieder im Dreck!"

Besonders schwer hatten es die Kinder unter seinen Opfern, ihnen schenkte man keinen Glauben.

"Was, du kannst nicht in die Schule gehen?" pflegten die Erwachsenen zu sagen. "Du willst nicht! Du bist einfach faul. Deine Mutter hat dich zu sehr verwöhnt. Wir werden dich von ihr trennen. Sie hat einen schlechten Einfluß auf dich."

Oder: "Was, du kannst nicht laufen? Das gibt es doch nicht. Du mußt es nur wollen, dann kannst du es auch." Und sie warfen sie ins Wasser, um zu zeigen, daß sie sich doch bewegen würden. Die Mütter standen weinend am Ufer, wenn man ihre Kinder halbtot herauszog, weil sie fast ertrunken wären. Aber noch nicht einmal das überzeugte die anderen und sie erschraken nicht über das, was sie getan hatten.

Nach einiger Zeit faßten sich ein paar von den Opfern ein Herz und sprachen untereinander über den Riesen und die schlimmen Dinge, die er ihnen antat. Sie merkten, daß es ihnen half, miteinander zu reden und daß es wenigstens jemanden gab, der ihnen glaubte, weil er selbst das gleiche erlebte. Es gelang ihnen sogar hie und da, einen Gesunden von ihrem Leid zu überzeugen.

Sie überlegten, wie sie sich von dem Riesen befreien könnten. Zuerst suchten sie Hilfe bei dem großen Zauberer. Dieser war sehr interessiert an dem, was sie ihm berichteten und versprach ihnen Hilfe.

Aber nach einiger Zeit stellte sich heraus, daß es ihm nicht um die gequälten Menschen, sondern nur um sein eigenes Ansehen ging. Er wollte nämlich gerne reich und berühmt werden und in die Geschichte eingehen als der, der den bösen Riesen besiegt hat.

So tat er alles mit halbem Herzen und im Blick auf seinen Ruhm. Er sprach nur das, was er für günstig hielt, machte die ganze Wahrheit nicht offenbar und konnte auch keine Abhilfe schaffen.

Voller Enttäuschung setzten sich die Opfer wieder zusammen und beratschlagten. "Wir müssen dem Riesen den Kampf ansagen. Nur wenn wir ihn bekämpfen, werden wir ihn auch besiegen!" Und sie machten viele Pläne, entsannen Fallen und Listen, suchten Bundesgenossen, vertrauten dem und hörten auf jenen, wurden im letzten aber immer nur enttäuscht, und mußten feststellen, daß sie für einen Kampf zu schwach waren.

Der böse Riese quälte auch schon seit einigen Jahren eine Frau, die gern Geschichten erzählte. Sie war klein und schon etwas älter und normalerweise nicht auf den Mund gefallen, aber die Angst lähmte sie genauso wie die Folterungen. Sie fürchtete sich so sehr vor dem Riesen, daß sie viele Jahre nicht wagte, über ihn zu sprechen.

Die Frau vertraute einer Zauberin, die ihr allerlei Wundermittel und Tränklein gab. Aber nichts half. Als die Zauberin nicht mehr weiterwußte, sagte sie zu der Frau: "Ich habe festgestellt, daß das alles nur in deinem Kopf stattfindet. Du denkst dir die Folterungen aus. Nur der große Hexenmeister kann dich davon befreien. Er wird in deinen Kopf hineinsehen und die schädlichen Gedanken herausholen. Das ist zwar sehr teuer, aber es ist deine einzige Rettung."

Die Frau überlegte ernsthaft, ob sie sich dem Hexenmeister anvertrauen sollte. Sie traf ihn sogar einmal. Aber als er zu ihr sagte: "Nur wenn du mir deinen Willen überläßt, kann ich dich retten!", da floh sie eiligst vor ihm und mied ihn fortan.

Sie wurde schwächer und schwächer. Die Folterungen und der Kampf gegen den Riesen hatte ihr die letzten Reserven geraubt. Sie sagte sich: So kann das nicht weitergehen. Wenn wir immer nur kämpfen, wird der Riese uns völlig zerstören.

Sie sprach mit vielen Gefolterten, aber nur wenige teilten ihre Meinung. Die meisten waren für Weiterkämpfen. Einige hatten wieder neue Zauberer gefunden, die ihnen Hilfe versprachen, aber letztlich nur ihr Geld nahmen.

Ausschnitt aus dem Märchen "Der Riese mit den schweren Schuhen" von Ingrid Kiehl-Krau. Das Buch können Sie über den Buchhandel beziehen (ISBN 3-928267-03-5).

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