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Um die Lebensperspektiven für Menschen mit ME/CFS zu verbessern.

CFS / ME und Schwangerschaft - Fragen und Bedenken

Rosemary Underhill, MB, BS

 

Übersetzung: Cornelia Krämer


Das CFS/CFIDS wird bei Frauen am häufigsten im gebärfähigen Alter zwischen 20 und 40 Jahren diagnostiziert. Trotz ihrer Erkrankung möchten viele von ihnen Kinder haben und sind mit der Frage konfrontiert, ob sie eine Schwangerschaft wagen sollen. Da die Krankheit für viele bereits mit erheblichen Verlusten verbunden ist, kann es sehr hart sein, jetzt auch noch zu erwägen, das aufzugeben, was vielleicht das Bedeutendste für sie ist - Kinder zu haben.

CFS/CFIDS als Krankheit gibt es vermutlich seit Jahrhunderten1, wenn auch unter anderen Namen. Aber erst in diesem Jahrhundert, verursacht durch einige epidemische Ausbrüche, wurde sie ausführlich beschrieben. Im Laufe der Jahre haben zahllose Frauen mit CFS/CFIDS Kinder geboren und großgezogen.

Wenn die Mutter an CFS/CFIDS erkrankt ist, ist es bei der Entscheidung für ein Kind sehr wichtig, daß sich beide Elternteile einig sind, da der Vater des Babys mit großer Wahrscheinlichkeit eine ganze Menge mehr - für Mutter und Kind - tun muß als in Familien, wo die Mutter gesund ist.

Für solche Paare wäre es sehr nützlich, soviel wie möglich über die Auswirkungen von CFS/CFIDS auf Mutter und Kind während der Zeit der Schwangerschaft zu erfahren. Ebenso wäre es von Vorteil, über die Wirkungen von Schwangerschaft, Stillen und Kindererziehung auf die Krankheit Bescheid zu wissen.

Ich habe versucht, die wenigen bis jetzt vorhandenen Informationen zusammenzufassen. Allerdings beruhen die meisten dieser Informationen nicht auf nachgewiesenen Fakten, sondern auf der Meinung von Medizinern.
Die Wahl des richtigen Zeitpunkts für eine Schwangerschaft

CFS-Kranke unterscheiden sich sehr stark darin, wie schwer sie von der Krankheit betroffen sind. Viele erleben Intervalle von Besserungen und Rückfällen. Wegen dieser Schwankungen können keine allgemeinen Ratschläge für diejenigen gegeben werden, die gerne eine Familie gründen möchten, außer daß eine Schwangerschaft in der frühen Phase der Krankheit nicht empfohlen werden kann.2

Wenn eine Frau sehr krank, die Diagnose vielleicht noch nicht klar gestellt, die Prognose unbekannt ist, und wenn auch ein Infektionserreger entweder als Ursache oder als Auslöser eine Rolle spielt, könnte es sein, daß sich die betreffende Frau in einem ansteckenden Stadium befindet.

Wenn sich die Krankheit stabilisiert hat, könnten jüngere Frauen eine noch stärkere Verbesserung abwarten, aber eine Frau über 35 kann sich diesen Luxus nicht leisten.
Ist CFS/CFIDS erblich? Oder ansteckend?

Die Mehrzahl der Frauen mit CFS/CFIDS hat normale, gesunde Kinder, und die meisten Kinder, die CFS/CFIDS haben, haben gesunde Eltern. Jedoch bei 10% bis 15% von CFS-Kranken sind ein oder mehrere Mitglieder der näheren oder weiteren Verwandtschaft ebenso betroffen3, obgleich in dem Lyndonviller N.Y.-Ausbruch 1985 diese Prozentzahl viel höher lag.4

Mit anderen Worten: Es scheint, daß CFS/CFIDS manchmal in der Familie liegt und Kinder von Eltern mit CFS/CFIDS könnten ein höheres Risiko haben, diese Krankheit irgendwann einmal in ihrem Leben zu bekommen.

Um zu verstehen, warum CFS/CFIDS in manchen Familien liegt, müssen wir versuchen, die Theorien über die Krankheitsursachen zu verstehen. Viele Ärzte denken, die Krankheit könnte durch einen bisher unbekannten ansteckenden Erreger verursacht sein oder durch einen bekannten Virus bei Patienten mit einem anfälligen Immunsystem ausgelöst werden.

Diese Anfälligkeit des Immunsystems könnte genetisch bedingt und von den Eltern vererbt sein. Oder die Anfälligkeit für CFS/CFIDS könnte von einem Schaden des Immunsystems herrühren, der von unterschiedlichen Chemikalien z.B. Pestiziden verursacht wurde, dem alle Familienmitglieder ausgesetzt waren.

Natürlich muß man hierbei beachten, daß weder ein ansteckender Erreger noch ein Umweltfaktor noch ein genetischer Faktor bisher als Ursache für CFS/CFIDS oder für die Anfälligkeit für CFS/CFIDS nachgewiesen worden ist. Obwohl einige Virusarten während der Schwangerschaft, Geburt oder Stillzeit von Mutter zu Kind weitergegeben werden können, gibt es keine Berichte über Kinder, die mit CFS/CFIDS geboren wurden.5
Gibt es ein Risiko für den Fötus?

Vorliegende Daten deuten nicht auf eine Korrelation zwischen der CFS-Erkrankung der Mutter und fötalen Mißbildungen hin.6

Jedoch können sich viele Medikamente nachteilig auf den Fötus auswirken, und die pränatalen Auswirkungen vieler pflanzlicher Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel sind nicht bekannt.

Da viele CFS-Kranke eine Vielzahl von Vitaminen, Mineralstoffen, Kräutern, rezeptfreie und verschreibungspflichtige Medikamente einnehmen, um ihre Symptome zu lindern, sollte eine Frau mit ihrem behandelnden Arzt sehr eingehend besprechen, ob Behandlungen abgebrochen oder verändert werden sollten. Diese Diskussion sollte stattfinden, bevor die Frau schwanger wird, weil mögliche nachteilige Wirkungen am ehesten während der ersten Zeit der Schwangerschaft auftreten.
Wird CFS/CFIDS von einer Schwangerschaft beeinflußt?

Bei CFS/CFIDS ist es typisch, daß die Symptome von Tag zu Tag erheblich schwanken, aber während einer Schwangerschaft fühlen sich einige Frauen besser. Eine Minderheit berichtet über eine Verschlimmerung ihrer Beschwerden. Manchmal werden die Symptome während der Stillzeit gelindert, wahrscheinlich aufgrund der Hormone, die die Mutter produziert.

Vor allem wird angenommen, daß ein Hormon mit dem Namen Oxytocin, das während der Laktation produziert wird, diesen günstigen Effekt bewirken kann. Aus diesem Grund hat Dr. Jay Goldstein einige seiner CFS/CFIDS-Patienten mit einer Form dieses Hormons behandelt. Er berichtete über eine Verbesserung bei ungefähr einem Fünftel seiner so behandelten Patientinnen.
Besondere Überlegungen

Selbst gesunde junge Frauen können gelegentlich Komplikationen während der Schwangerschaft haben. Wenn die zukünftige Mutter CFS/CFIDS hat, sollte die Schwangerschaft sehr genau überwacht werden. Durch eine frühe vorgeburtliche Betreuung und eine Geburt in einem Krankenhaus kann sichergestellt werden, daß alle Schwierigkeiten sofort angegangen werden.

In dem ersten Drittel der Schwangerschaft ist eine Fehlgeburt nicht ungewöhnlich, sie tritt in 10% bis 15% aller Schwangerschaften ein.

Es gibt unterschiedliche Meinungen über die Rate der Fehlgeburten bei CFS/CFIDS-Patientinnen. Dr. Carol Jessop beobachtete eine Rate, die nicht viel über der Norm lag8, während Dr. Lapp herausfand, daß sie signifikant höher liegt.5

Es kann sein, daß Schwangere mit CFS/CFIDS eine verlängerte Periode der üblichen Schwangerschaftsbeschwerden der ersten Zeit erleben, wie morgendliche Übelkeit8, und der Fötus im Uterus kann etwas langsamer wachsen.9 Deshalb werden mehr zusätzliche Erholungspausen, eine frühe Ultraschalluntersuchung und eine enge Überwachung während der Schwangerschaft angeraten.

Während viele gesunde Frauen während ihrer Schwangerschaft einem Job außer Haus nachgehen können, werden CFS-kranke Frauen höchstwahrscheinlich nicht in der Lage sein, ihr vorheriges Arbeitsmaß aufrechtzuerhalten.

Verlängerte Wehen sollten vermieden werden. Ein Geburtshelfer, der sich mit CFS/CFIDS auskennt, wird sicherstellen, daß eine angemessene Schmerzbekämpfung während der Wehen erfolgt und daß gegebenenfalls die Geburt des Kindes unterstützt wird.

Tatsächlich wird häufig eine Kaiserschnitt-Geburt angeraten, um eine übermäßige Erschöpfung der Mutter zu vermeiden.9
Stillen

Unter normalen Umständen ist Stillen in hohem Maße vorteilhaft für Mutter und Kind, aber auch mit Fertigprodukten gedeihen Babies gut.

Es gibt bestimmte Medikamente und Erreger, die von Mutter zu Kind durch die Muttermilch übertragen werden können.

Eine Mutter, die einen Rückfall nach der Geburt erlitten hat, ist vielleicht darauf angewiesen, auf eine zuvor erfolgreich angewendete Medikation für CFS/CFIDS zurückzugreifen. In diesem Fall ist eine Flaschennahrung für das Baby sicherer. Diese Entscheidung sollte jedoch zusammen mit dem Arzt getroffen werden.

Trotz CFS/CFIDS stillen viele Mütter erfolgreich ihre Babies, und einige fühlen sich sogar während der Stillzeit besser. Jedoch kann Stillen auch erschöpfend sein. Es ist selten möglich, Kinder nach einem strikten Plan zu stillen. Es ist für sie besser, nach Bedarf gestillt zu werden - und dies kann alle 2-3 Stunden der Fall sein. Die Mutter muß auch die nächtlichen Mahlzeiten übernehmen, allerdings könnte auch eine Kombination von Flaschennahrung und Stillen ausprobiert werden.
Auswirkung auf die Kindererziehung

Es ist die Kindererziehung, in der CFS/CFIDS tatsächlich seinen Preis verlangt. Ein Baby oder Kleinkind zu betreuen, ist physisch und emotional harte Arbeit, und es wird mit älteren Kindern nicht immer leichter. Eine Mutter wird feststellen, daß sie viel Hilfe von ihrem Mann, von den Großeltern des Babies, anderen Verwandten und Freunden brauchen wird. Es kann auch notwendig werden, eine bezahlte Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Mütter, die nicht in der Lage sind zu arbeiten, können davon ausgehen, daß ihre Kinder Glück haben, daß sie zu Hause sind, selbst wenn sie sich ausruhen müssen. Kinder sind sehr anpassungsfähig und entwickeln sich in allen möglichen Arten von Familien gut.

Die finanziellen Belastungen einer chronischen Krankheit wie CFS/CFIDS können erheblich sein. Die zusätzlichen Arztrechnungen während der Schwangerschaft, die Kosten für die Babyausstattung, Nahrung und Windeln, zusammen mit der wahrscheinlichen Reduzierung des Einkommens bedeutet, daß das Familienbudget mit Sicherheit sehr strapaziert wird.

Ein Kind großzuziehen, wenn die Mutter CFS/CFIDS hat, kann beide Elternteile mit viel Frustration und Schwierigkeiten konfrontieren, die andere Familien nicht haben. Aber ein Kind großzuziehen, kann auch eine sehr lohnende Aufgabe sein. Die Freude, die ein Kind in eine Familie bringt, macht die Anstrengungen mehr als wett.

Es kann hilfreich sein, über die Selbsthilfegruppe Kontakt mit anderen Müttern mit CFS/CFIDS aufzunehmen, um Tips zu bekommen, wie man mit den vielen Problemen umgehen kann, die auf einen zukommen.

Literatur

1. Bell, D.S. (1991). The Disease of a Thousand Names. Pollard

2. Shepherd, C. (1993). Living with M.E.. London: Cedar.

3. Gunn, W.J. (1991). Chronic Fatigue Syndrome: Diagnosing the doubt. Lecture, CTV television conference

4. Bell, D.S. (Spring/Summer 1990). CFS/CFIDS children: Associated findings. The CFS/CFIDS Chronicle, 31

5. Lapp, C.W. (1994). Pregnancy and CFS/CFIDS.Transcript from the CFS/CFIDS information line, #9505. The CFS/CFIDS Association of America

6. Fisher, G.C. (1989). Chronic Fatigue Syndrome. Warner.

7. Goldstein, J. (Summer 1994). New treatments for CFS. The CFS/CFIDS Chronicle, 2-6

8. Jessop, C. (Spring 1991). Clinical features and possible etiology of CFS/CFIDS. The CFS/CFIDS Chronicle, 71.

9. Jessop, C., quoted by Johnson, H. (1996). Osler’s Web. Crown R.

Underhill war als Gynäkologin und Geburtshelferin in England tätig, bevor sie vor 26 Jahren an CFS/CFIDS erkrankte. Sie hat eine 22-jährige Tochter und lebt in New Jersey.

Der Text "CFIDS and Pregnancy: Questions and concerns" von Rosemary Underhill erschien im Original in "The CFIDS Chronicle", 1/1998 "The CFIDS Chronicle" ist die Zeitschrift der amerikanischen CFIDS Association. Nähere Information auf der Website www.cfids.org

Erschienen in : CFS-Forum 10/11 - 98/99