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11/04 2010
Kommentar zu einem schlimmen Artikeltop
Kaufland / Tip der Woche / 29. März 2010: "Im Kampf gegen die Müdigkeit – Was Sie tun können, wenn Sie unter dem Chronischen Erschöpfungssyndrom leiden"
Jede Woche schickt die Marktkette Kaufland ihre Werbezeitungen mit allerlei Sonderangeboten kostenlos in viele deutsche Haushalte. Da man aber ja nicht nur Werbung macht, sondern den Menschen auch noch was Gutes tun will, gibt´s gratis dazu noch Herz-Schmerz-Geschichten über das Privatleben der Promis und …. "gute" Tipps für des Menschen höchstes Gut: die Gesundheit. Vor zwei Wochen hat sich der "Tip der Woche" dazu das Chronische Erschöpfungssyndrom vorgenommen.
Im Prinzip begrüßen wir es natürlich, wenn die Medien unser Thema aufgreifen und unsere Krankheit damit bekannter machen, vielleicht sogar das Verständnis dafür erhöhen. Vom Kaufland-Artikel kann man das leider nicht behaupten.
Statt selbst zu recherchieren übernahm Kaufland für die Darstellung des CFS im Wesentlichen einen Artikel, den kurz zuvor schon Spiegel-Online veröffentlicht hatte. Zwar stellt der Artikel das Krankheitsbild CFS weitgehend richtig dar, nicht jedoch die mögliche Therapie dagegen. Statt auf die unterschiedlichen Stränge der aktuellen Ursachenforschung und daraus resultierende mögliche Therapieansätze hinzuweisen, zitiert der Artikel eine Schmerztherapeutin und einen Psychotherapeuten, die die Ansicht vertreten, dass "aktiv werden" und einen "Tagesrhythmus schaffen" (ohne Schlafpausen am Tag!) die beste Therapie seien. Denn die Vermeidung von Belastungen und der Rückzug aus dem sozialen Leben verstärkten die Erschöpfungssymptomatik. Man müsse mit den Betroffenen einen "Aktivitätsplan" aufstellen ("Eine Tagesaufgabe kann etwas darin bestehen, nachmittags zum Sport zu gehen, abends mit Freunden ins Kino…"), der Patient müsse sich "Tag für Tag aufs Neue überwinden". Und die für Betroffene zynisch klingende Schlussfolgerung der Autoren des Artikels lautet: "Der Patient hat den Behandlungserfolg somit weitgehend selbst in der Hand…".
Gerade dieser letzte Satz ist eine schallende Ohrfeige für viele CFS-Kranke, die genau das in den ersten Monaten, vielleicht sogar Jahren ihrer Krankheit versucht haben, nämlich sich zusammenzureißen, sich immer wieder aufzurappeln, es immer wieder zu versuchen – mit dem Ergebnis, dass es nicht besser sondern schlechter wurde.
In Belgien gab es in den letzten Jahren umfangreiche Studien, um die Wirksamkeit des Ansatzes von Verhaltens- und Aktivierungstherapie (international als "Graded exercises" bekannt) bei CFS zu überprüfen. Das Resultat: die Therapien verstärken bei den meisten Betroffenen die Krankheit anstatt sie zu lindern. "Die bestehenden biologischen Anomalien wie Entzündungsprozesse, oxidativer Stress und Störungen der Ionenkanäle werden durch geringfügige Belastung wie Laufen oder ein Buch lesen bereits verstärkt – und durch "Rehabilitationstherapien" wie kognitive Verhaltenstherapie und Graded Exercise", schreibt Michael Maes, Leiter einer Klinik in Antwerpen und CFS-Forscher. (Eine umfangreiche Berichterstattung über die belgischen Studien finden Sie in unserem aktuellen CFS/ME-Forum Nr. 28, S. 19 – 22.)
Leider haben sich die Autoren des Kaufland-Artikels offenbar weder mit diesen Studien zum CFS noch mit anderen aktuellen Studien beschäftigt. Sonst wäre ihnen aufgefallen, dass ein Therapeut, der CFS-Kranken "Sport am Nachmittag" und "Kino mit Freunden am Abend" empfiehlt, das Phänomen Chronisches Erschöpfungssyndrom (das übrigens mit "Müdigkeit" nicht allzu viel gemein hat) nicht wirklich kennen kann. Auch ein sprachlicher Lapsus im Untertitel zeugt von Unkenntnis: "…wenn Sie unter dem Chronischen Erschöpfungssyndrom leiden" heißt es dort. Man kann unter Lärmbelästigung, unter Stress, unter einer bösen Schwiegermutter oder sonstigen Begleiterscheinungen des Lebens leiden, aber man leidet an einer Krankheit, an AIDS, an Krebs und eben auch an der Krankheit Chronisches Erschöpfungssyndrom (oder an Myalgischer Encephalomyelitis, wie sie in Großbritannien und Skandinavien genannt wird).
Die heftige Diskussion und die Proteste, mit denen Betroffene (darunter auch etliche aktive Fatigatio-Mitglieder) auf den Spiegel-Online-Artikel im Internet reagiert haben, wurden von den Kaufland-Gesundheits-Redakteuren offenbar ignoriert. Ebenso haben sie sich leider nicht um ein Gespräch mit dem Fatigatio e.V. bemüht, der aber nichtsdestotrotz unter dem Artikel als Ansprechpartner für Betroffene ausführlich genannt wird und dessen Aktivitäten als Selbsthilfeorganisation genannt werden. So denken offenbar nicht wenige Leser, der Fatigatio stehe hinter dem Artikel und sind so natürlich zu Recht irritiert.
Das richtig zu stellen ist unser Anliegen. Den Artikel selbst können wir damit natürlich nicht rückgängig machen. Sicher hatten die Tip-Autoren auch keine schlechten Absichten, sondern wollten das Thema einfach nur positiv und hilfeorientiert angehen. Dass sie hier eher das Gegenteil bewirkt haben, war ihnen wohl kaum bewusst.
